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Foilendes Wassertaxi

Autor: Michael Kunst
  

Kann man mit Motorbooten auf Foils einen Beitrag zum Umweltschutz leisten? Die Geschichte von einem Weltrekordsegler auf Abwegen, der jedoch seinen Prinzipien treu bleibt.

Foilendes Wassertaxi

Es gibt bekanntlich nur wenige Regeln, die auf dem Wasser wie an Land gleichermaßen ihre Gültigkeit haben. Eine davon lautet: „Höre immer auf die Frauen. Egal, ob sie Recht haben oder nicht: Höre auf die Frauen!“ (siehe: Bootskauf: Keinen Alleingang)
An genau diese mitunter als „binsig“ verschriene Weisheit dürfte sich Alain Thébault erinnert haben, als er nach seiner letzten, leider vergeblichen Rekordversuchsfahrt im Pazifik auf der Hawaii-Insel Oahu von seinen drei Töchtern Joséphine, Heloise und Victoire empfangen wurde.

Nach anfänglicher Freude über die beendete Fahrt auf dem gigantischen Trimaran „Hydroptère“ machten die drei erwachsenen Frauen ihrem Vater ganz offensichtlich auf schonungslose Weise deutlich, dass es an der Zeit sei, endlich mal was Sinnvolles mit all seinem Wissen über Hydro, Foils, Tragflächen und Wasserwiderstand zu bewerkstelligen.

Nun muss man wissen, dass sich der Franzose Alain Thébault im Prinzip Zeit seines Berufslebens mit der Frage beschäftigte, wie man Segelschiffe möglichst schnell über das Wasser bewegt. Denn Thébault sieht die Zukunft des Segelns und des Wassersports knapp über der Wasseroberfläche.

Er gilt seit Jahrzehnten als der Guru des Tragflächensegelns und Vorreiter der modernen Foil-Generationen. Mit seinem „Hydroptére“-Tragflächen-Trimaran brach er bereits mehrere Geschwindigkeits-Weltrekorde und setzte für die heutige Foiler-Elite elementare Akzente.

Was haben Foils mit Luftverschmutzung zu tun?

Doch zurück zur o.g. Lebensregel. Thébaults Nachwuchs bat also um „endlich Sinnvolles“ im Lebenswerk des Vaters und verwies darauf, er könne doch mal was für den Umweltschutz tun. Und zwar ganz explizit etwas gegen die Luftverschmutzung, etwa im heimatlichen Paris. Worauf sich für Thébault die Frage stellte: „Wie kann man mit Booten auf Foils die Luft sauber halten?“ Die Antwort ist einfach: Indem sie schmutzige Transportmittel ersetzen!

Wer nun die bisherigen Zeilen als etwas verwirrend empfindet, der sollte wissen, dass Foilen – wenn sich also ein Rumpf ab einer bestimmten Geschwindigkeit auf einem speziell konstruierten „Foil“ (Schwert) aus dem Wasser hebt – im Prinzip nichts anderes ist, als eine Erhöhung der Geschwindigkeit durch die Reduktion des Wasserwiderstandes.

Tauscht man nun den Faktor Geschwindigkeit gegen Leistung, die notwendig ist, um Vortrieb zu erzeugen, dann ist leicht nachvollziehbar, dass Boote, die auf dünnen, kleinflächigen Foils knapp über dem Wasser unterwegs sind, in dieser Hinsicht sehr große Vorteile genießen. Sie brauchen weniger Wind, um auf relativ hohe Geschwindigkeiten zu kommen oder aber weniger Treibstoff, sollte der Vortrieb über Motoren erfolgen.

Nichts ist unmöglich!

Womit wir zurück bei Thébaults grundsätzlicher Idee sind: Was wäre, wenn wir zumindest einen gewissen Anteil Automobile, die bekanntlich die größten urbanen Luftverschmutzer sind, von den Straßen holen? Zum Beispiel Taxis, die nicht zuletzt in der ökologischen Kritik stehen, weil sie zu einem Großteil für einen Passagier die Straßen der Metropolen (mit) verstopfen? Was wäre also, wenn wir Taxis auf die nur tertiär genutzten Wasserwege der Metropolen schicken würden und gleichzeitig aus den Taxis echte Wasserfahrzeuge machen?

Thébault wäre nicht Thébault, wenn aus so einer zunächst als „spinnert“ bezeichneten Idee auch eine Herausforderung werden würde. Spätestens als irgendjemand, dem er seine ersten Scribbles eines Wassertaxis zeigte, sich milde lächelnd mit dem Wort „unmöglich“ abwandte, war das Projekt in „trockenen Tüchern“. Denn bei Thébault gilt bereits ein Leben lang der Spruch „nichts ist unmöglich!“ Lange bevor ein japanischer Automobilhersteller denselben für sich in Anspruch nahm.

Thebaults erste Scribbles von der Sea Bubble ©sea bubble Thebaults erste Scribbles von der Sea Bubble ©sea bubble

So entstand Thébaults „Sea Bubble“. Die kleinen und knuffigen, an Kleinwagen auf Stelzen erinnernden Kabinenfahrzeuge, werden konsequenterweise von Elektromotoren angetrieben. Ab einer Geschwindigkeit von ca. 10 km/h heben sie sich auf vier Foils, wodurch der Wasserwiderstand deutlich reduziert wird.

Weniger Widerstand ergibt weniger Energieverbrauch und der elektrische Antrieb verzichtet sowieso (in der Anwendung) auf lästigen CO2-Ausstoss. Noch existiert das Sea Bubble nur auf dem Papier, doch Alain Thébault ist sich seiner Sache so sicher, dass der Bau und die Erprobung seines Wassertaxis eigentlich nur noch Nebensache sind. Viel spannender sei es, aus dem „Sea Bubble“ ein funktionierendes Business zu machen.

Mit dem Konzept im Portfolio machte sich Thébault also auf Sponsorensuche. Und stieß dabei auf sperrangelweit geöffnete Tore: Überall wurde ihm der Rote Teppich ausgerollt, bei führenden IT-Unternehmen wie auch bei Automobilherstellern fand Sea Bubble großen Anklang. Sogar die Bank, die ihm während seines Trans-Pazifik-Törns aufgrund notorischen Geldmangels noch alle Kreditkarten gesperrt hatte, ignorierte Thébaults ruhmlose finanzielle Vergangenheit und wollte erfreut gemeinsam mit dem Rekordsegler in die Zukunft blicken.

Das High-Tech-Unternehmen Parrot (produziert u.a. für die Automobilindustrie, für Smartphones und Tablets sowie für zivile Drohnen) stieg als erster Hauptsponsor in das Projekt „Sea Bubble“ ein und die Bürgermeisterin von Paris wünschte sich in einem Schreiben an Thébault, Paris möge die erste Metropole sein, auf deren Gewässer die „Sea Bubbles“ eingesetzt werden.

Gesagt, getan. Mit der Star-Designerin Coqueline, die für das Projekt ein eigenes Start-Up gründete und gleich mal 100.000 Euro investierte, entwarf Thébault das Outfit des neuen „Kabinenbootes auf Foils“.

Thébault sieht übrigens sein Elektroboot auf Foils später auch für die private Nutzung geeignet. Die Kosten des derzeit noch auf 18 km/h gedrosselten Elektro-Foilers schätzt er als Serienprodukt auf 13.000 Euro. Die ersten Prototypen sollen in diesem Sommer über die Seine foilen.

Der Automobilhersteller Renault und Unternehmen wie „Uber“, sowie lokale Taxi-Flotten, haben bereits großes Interesse bekundet. Auch, weil die Stadt offenbar den Einsatz der umweltfreundlichen Taxis finanziell unterstützen will. Andere Metropolen sollen sich ebenfalls bereits gemeldet haben. Allerdings wurde die Nachricht, dass auch London in Kürze Sea Bubbles auf der Themse einsetzen wird, wieder dementiert.

Was soll da noch schiefgehen?

Überhaupt haben sich mittlerweile einige kritische Stimmen zu dem Projekt gemeldet. Da Paris nun nicht gerade eine von Kanälen durchzogene Stadt ist wie etwa Venedig oder Amsterdam, wird der verkehrsstrategische Nutzen der „Sea Bubbles“ zumindest angezweifelt. Und ob sich ein Taxi-Unternehmen darauf einlässt, für den „Sea Bubble“ auch tatsächlich ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor aus dem Verkehr zu nehmen, sei dahingestellt.

Selbst die Idee zum Prinzip als solchem kann sich Thébault nicht auf die Fahnen schreiben. So flitzen schon seit einigen Jahren Elektromotorboote, wie etwa die slowenischen „Quadrofoils“, ziemlich zügig auf vier Foils über die Wasser.

Thébault ist allerdings sicher, dass sich diese Art der urbanen Personenbeförderung nicht nur in Paris durchsetzen wird. „Sea Bubble“ habe Zukunft, beteuert der Tragflächen- und Foil-Pionier immer wieder. Und schließlich sei es im Prinzip ja ein von Frauen initiiertes Projekt – schon deshalb könne nichts schiefgehen. 2017 soll das Wasserfahrzeug in Serie gehen…

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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