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Die schlechte Rennyacht

  

Die Einhand-Weltumseglung des 66-jährigen Francis Chichester auf der gefährlich schnellen Südroute ist Legende. Weltberühmt ist auch seine 54 Fuß Ketsch „Gipsy Moth IV“, die vor 50 Jahren vom Stapel lief. Weniger bekannt ist, daß der Ritt nicht wegen sondern trotz des Schiffes gelang.

Die schlechte Rennyacht

Mitte der Sechziger Jahre denkt Francis Chichester nach mehreren Atlantikregatten über eine neue Herausforderung nach. Er hat sein Leben nach einer Krebsdiagnose 1958 mit Hochseesegeln auf beeindruckende Weise verlängert. Die Ärzte hatten ihm damals gerade mal ein halbes Jahr, mehr nicht, gegeben. Jetzt möchte Chichester die ganze Welt in Rekordzeit umsegeln. Alleine, mit nur einem Stop in Australien. Durch den gefährlichen Southern Ocean, auf jener Route, wie sie die englischen Wollklipper einst nahmen. Er möchte allein, mit seiner Nußschale, schneller als die riesigen Rahsegler mit reichlich Manpower sein.

Dazu braucht er ein neues Boot mit längerer Wasserlinie als seine auf dem Atlantik bewährte 40 Fuß Vorgängerin: eine eigens entwickelte Rennmaschine, deren gestreckte Wasserlinie eine größere Durchschnittsgeschwindigkeit bietet. Nur die Segelgrößen und die Verdrängung begrenzt der Mittsechziger. Die Segelrollanlage und selbstholende Winschen sind damals noch nicht erfunden. Es wird noch von Hand und mit Stagreitern gesegelt. Mehr als neun Tonnen darf das Boot nicht wiegen. Auch die Kajüteinrichtung soll von seiner vorigen Gipsy Moth übernommen werden. Der Entwurf entsteht als Gemeinschaftswerk von Konstrukteur Angus Primrose und der englischen Hochseesegel-Kapazität John Illingworth, einem Segler vieler RORC Regatten und Erfinder des Sydney-Hobart Rennens. Die angesehene Werft Camper & Nicholsons fertigt in der damals neuen formverleimten Bauweise aus fünf Lagen Honduras Mahagoni. Neue wasserbeständige Leime machen es möglich. Allerhand Tradition, große Namen, erfahrene Leute stehen hinter dem Projekt.

Das Ergebnis ist ernüchternd. „Gipsy Moth IV is perhaps one of the worst racing yachts ever built“, eine der wahrscheinlich schlechtesten Rennyachten, die je gebaut wurden, meint ein Kenner.

Sie wird viel zu spät fertig, erst im März 66. Chichester muß im August los. Sie ist mit 11,5 Tonnen deutlich schwerer als vorgesehen, mit 35.000 Pfund auch noch wesentlich teurer als veranschlagt. Er muß die Hardware, das Schiff nehmen, wie er es bekommen hat. Er hat keine Wahl. Chichesters Vetter Tony Dulverton hat Geld, er finanziert das Abenteuer.

Schlimm: das Verhältnis von Motorisierung zu Gewicht, von Segelfläche zur Verdrängung stimmt nicht. C&N hat leider viel schwerer gebaut als geplant. So geht das Boot mit einer Segeltragezahl von nicht einmal 4 an den Wind, einem heute ernüchternden Fahrtenbootwert. Deshalb läuft Gipsy Moth IV bei wenig Wind nicht. Die lahme Ente fordert dem drahtigen Einhandsegler ständige Segelwechsel ab.

Der Ballastanteil liegt, bezogen auf 11,5 Tonnen mit halbvollen Tanks (half load) bei mageren 33 Prozent: sehr wenig für ein schlankes, auf das Blei im Kiel angewiesenes Schiff. Das Boot ist rank. Es rollt wie der Teufel. Nach ersten Probeschlägen bessert die Werft nach, packt eine halbe Tonne Blei zusätzlich unters Schiff.

Chichester schafft die Reise annähernd so schnell wie die berühmten Wollklipper. 226 Tage verbringt er allein auf See. Dabei ringt der zähe Senior dem unausgewogenen, untertakelten, nicht gerade kursstabilen Schiff eine Durchschnittsgeschwindigkeit von sechs Knoten ab. Das Boot ist undicht. Haslers Selbststeueranlage nicht ausgereift. Chichesters Skizzen von der bewährten Kajüteinrichtung seines Vorgängerschiffs wurden nicht umgesetzt. Konstrukteur Primrose hat die Zeichnungen verschlampt. Die hölzernen Schubladen quellen und klemmen oder leeren ihren Inhalt auf die Bodenbretter.

In Australien rät die Fachwelt, raten Freunde und Verwandte dem von den Strapazen der Reise entkräfteten Chichester von der Fortsetzung der Reise ab. Der Southern Ocean gilt damals als No Go Area, eine Wasserwüste, die niemand freiwillig ansteuert.

In Sydney kommt das Schiff sofort in eine Werft, die fehlende Kursstabilität und mangelhafte Steifigkeit werden mit einem modifizierten Kiel verbessert. Es kommt noch mal eine halbe Tonne Ballast unten drunter.

Chichester segelt weiter. Gleich nach Verlassen Australiens kentert er in der Tasmansee durch. Vor Kap Hoorn entsteht dann jene Aufnahme, die zur Ikone des Yachtsports geworden ist. Sie zeigt die Ketsch in schwerer See, gejagt von einem handfesten Sturm unter blanken Masten und dem kleinen Dreieck der Sturmfock. Chichester ist unter Deck und meldet sich via Kestrel Marconi Radio: „This is Gipsy Moth IV calling London.“

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Die halbe Welt verfolgt die Reise anhand Chichesters regelmäßiger Meldungen. Die englische Marine empfängt den Segelhelden vor Kap Hoorn mit einem im Süden stationierten Patroullienschiff. Reporter kreisen im Flugzeug über dem Einhandsegler. Seit diesem unwirtlich grauen Montagmorgen, dem 20. März 1967 vor Kap Hoorn ist Ozeansegeln ein mediales Spektakel.

Chichester schafft die Reise nicht dank, er schafft sie trotz seines kaum geeigneten Bootes. Nach dem triumphalen Empfang in England sagt er folgende erschütternd nüchterne Worte: „Ich hänge nicht an Gipsy Moth IV. Außerdem gehört mir bloß das Achterschiff, meinem Vetter gehören zwei Drittel. Ich hätte kein Problem, das Achterschiff abzusägen. Das Boot war eh zu lang.“ Eine kühle Bemerkung nach einer Reise, die ihm Ruhm und weltweite Bewunderung brachte.

Von anderen Einhandtörns ist bekannt, das Segler eine symbiotische Beziehung zur ihrem Schiff eingehen, ihm menschliche Eigenschaften zusprechen, ihm für die durchgestandenen Stürme danken, es bewundern, gern erinnern. Für Bernard Moitessier wurde „Joshoa“ zu einem Lebewesen, dem er ebenso wie Wilfried Erdmann seiner „Kathena Nui“ verbunden, ihm treu blieb. Chichester bezeichnet seine „Gipsy Moth IV als cantankerous – auf deutsch streitsüchtig. Die legendäre Reise der beiden, des rüstigen, zähen Seniors und seiner mißratenen Begleiterin war Ergebnis einer schlechten, schlimmen Beziehung.

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Seit der Überführung nach London mit dem triumphalen Empfang mit eigens geöffneter Themse Brücke segelt Chichester Gipsy Moth IV nicht mehr. Das Boot wird 36 Jahre, bis 2004, in Greenwich als Museumsschiff stehen. Seit der Instandsetzung ist das elegante, schlanke Schiff mit dem angedeuteten Klippersteven, dem modernen Aufbau und dem apart gestreckten Heck wieder unterwegs.

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