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Die Renaissance der J-Class

Autor: Erdmann Braschos
  

„Sie sind verrückt“ hatte der greise englische Flugzeugfabrikant Sir Thomas Octave Sopwith die segelbegeisterte Immobilienentwicklerin und Journalistin Elisabeth Meyer Ende der Achtziger Jahre gewarnt. „Diese Schiffe sind Monster. Sie passen nicht in unsere Zeit. Lassen sie es.“ Sopwith wusste wovon er sprach. 1934 und 37 hatte er mit „Endeavour“ 1 und 2 beim America’s Cup herausgefordert.

Die Renaissance der J-Class
Die Renaissance der America’s Cupper der 1930er Jahre – eine erstaunliche Entwicklung.

Sopwith hatte die 40 Meter Schlitten entwerfen und bauen lassen, sie über den Atlantik gesegelt, die Rechnungen bezahlt und die Mannschaften zusammengestellt. Manches Detail ihrer Takelage und Handhabung war vergessen, musste neu erfunden und wieder gelernt werden.

Doch Meyer war damals mächtig von „Endeavour“ in Beschlag genommen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, die Inbetriebnahme dieses Segelsauriers zu stemmen. Eine fixe Idee, an der sich bereits einige Enthusiasten die Zähne ausgebissen hatten. Einen Nervenzusammenbruch, eine Ausschreibung und Fertigstellung durch holländische Profis später wurde das Schiff zur Sensation der Yachtwelt.

Der Relaunch der J-Class

Im Frühjahr 1989 stand die endeavourblaue „Darling Jade“ bei der Royal Huisman Werft vor der Halle. Ein Faustkeil-förmiger Langkieler mit kühn gestrecktem Steven, niedrigem Freibord und verführerisch in der Sonne funkelnden Beschlägen. Ein Gänsehaut-Anblick, der jedem Betrachter die Sicherungen rausdrehte: Die neue alte „Endeavour“ von 1934 war ein yachtbaulicher Meilenstein und Paukenschlag der Yachtwelt.

Hinter dem edlen Interieur hatten die Holländer einen begehbaren Kühlraum, Klimaanlage, Motor, Stromerzeuger, Tanks und Seewasserentsalzer im einst leeren Torpedo-förmigen Rumpf untergebracht. Das schlanke Schiff war beinahe wie ein U-Boot vollgestopft mit Technik. Sogar ein Kamin und die fragmentarische Heckpartie von Harold S. „Mike“ Vanderbilts überlegener „Ranger“ zierte als America’s Cup Artefakt den Salon.

Endlos ragte die weiße 50 Meter Röhre über das weitgehend glatte Deck. Der riesige Mast galt als Wagnis. Er wurde sicherheitshalber von einem permanenten Achterstag hinter dem gekürzten Großbaum gehalten. Im Original wurde die J-Class wie ein Starboot nur mit Backstagen gesegelt. „Endeavour“ war ein neues Schiff mit Charles Nicholsons alten Linien. Ein Klassiker mit gegenwärtigen yachtbaulichen Möglichkeiten.

Strahlend stand die 36-jährige Segelamazone unter dem wuchtigen „Park Avenue“ Großbaum. Sie befand sich auf dem seglerisch interessantesten Stehplatz der Welt hinter dem kleinen Sportlenkrad. Dort, wo einst die Gatsbys der Dreißiger Jahre, Sopwith und Vanderbilt, ihre America’s Cup Segelduelle im Matchrace, Boot gegen Boot und natürlich auch Ego gegen Ego ausgefochten hatten. „Endeavour“ segelte nach einem halben Jahrhundert wieder.

Die Yachtwelt hatte ihren J-Class Relaunch. Die meisten Exemplare der insgesamt zehn je gebauten Exemplare waren verschrottet. Immerhin existierten „Shamrock V“ und „Velsheda“ noch. Es sollte nicht lange dauern, bis die Schiffe einander wieder auf dem Wasser begegneten.

Seitdem hat das Faszinosum J-Class nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Es wurde durch die erneute Inbetriebnahme von „Endeavour“ als segelndes Grandhotel erst richtig angeheizt. Denn als vielseitige Blauwasser- und Luxuscharteryacht lässt sich ein Teil der laufenden Kosten wieder einspielen. Das ist in dieser Bootskategorie, wo die Eigner solcher 170 t Slups ein Fass ohne Boden aufmachen, auch ein Gesichtspunkt.

Archetyp der Segelyacht

„Wenn ein Kind ein Segelboot malt, skizziert es eine J-Class“, fasste Elizabeth Meyer damals den Reiz zusammen. Tatsächlich verkörpert das Schiff mit seiner riesigen Takelage über dem flachbordig gestreckten Rumpf den Archetyp der Segelyacht. Hinzu kommt der Nimbus als Vintage America’s Cupper. Aber es ist noch mehr. Wer mal Gelegenheit hatte, an Bord einer J-Class mit zu segeln, weiß: An Deck einer 40 m Slup mit 50 m Mast ist man klein. Das Verhältnis von Mensch und Segelmaschine ist prekär.

Wenn man die J-Class dann steuert und staunend beobachtet, wie die Bugspitze 30 m weiter vorn bereits bei kleinen Ruderausschlägen herum schwenkt, wurde deutlich: J-Class segeln ist Ausdruck von Macht. So einen Schlitten im Schlachtgetümmel einer Regatta bei Wind über die Bahn scheuchen, dazu eine Besatzung im Format zweier Fußballmannschaften beschäftigen, das ist für Segler mit ausgeprägtem Ego genau das richtige. Darunter geht es für Eigner, die beruflich viel erreicht haben, eigentlich nicht.

Mit ihrem stattlichen Ballastanteil gehen diese Schiffe wie Tiere an den Wind. Deckshandwerker, die sich zur Vorbereitung eines Manövers im Seegang auf das Vordeck dieser mächtig stampfenden Segelschlachtrösser wagen, wissen, was sie tun. Eine Reling wird nur bei Überführungen geduldet. Das Handling dieser schweren Slups ist etwas für Profis.

Im Jahr 2000, als die ersten Repliken verschrotteter oder entworfener, aber nie gebauter Risse absehbar waren, wurde mit der J-Class Association eine exklusive Klassenvereinigung gegründet. Hier gab sich die Interessenvertretung an heutige Bedürfnisse angepasste Bauvorschriften. Beispielsweise den Bau in der leichteren Alustar Legierung statt Stahl.

2004 folgte mit „Ranger“ der erste Neubau, fünf Jahre später mit „Hanuman“ die Replik der zweiten „Endeavour“ von 1937. 2010 mit „Lionheart“ eine der zahlreichen, bislang nicht gebauten Ranger Varianten. 2012 folgte „Rainbow“. Derzeit sind neben den drei modernisierten J-Class Exemplaren mit vier Neubauten insgesamt sieben Schiffe unterwegs.

Die J-Class segelt neuerdings im Fleet – statt Match Race. Im Sommer vergangenen Jahren begegneten sich im Mittelmeer fünf J-Class Renner. Sie werden von Profis mit großem Ehrgeiz über die Regattabahn gescheucht. Es geht den Eignern nicht allein ums Ego. Es geht auch um Rendite für’s eingesetzte Kapital, um den jeweiligen Wert eines möglichst erfolgreichen Regattaschiffes.

Längst haben sich Konstrukteure und Interessenten weitere Neubaurechte reserviert. Denn die Gelegenheiten zum Einstieg in den exklusiven Club der J-Class Eigner ist begrenzt. Es dürfen nur einst abgewrackte Boote und gezeichnete, aber bislang nicht gebaute Schiffe neu auf Kiel gelegt werden. Die J-Class ist eine limited edition. Das erklärt manches über Jahre reifende J-Class Projekt. Hatte der Amerca’s Cup Veteran Sopwith Ende der Achtziger Jahren mit seiner Warnung vor der „monströsen“ J-Class also unrecht? Ja und nein. Elizabeth Meyer hat Ihre Endeavour längst verkauft, als sich die Erweiterung der Flotte abzeichnete. Heute würde das damals stolze Budget von vermutlich 10 Millionen US- Dollar gerade mal als Anzahlung reichen. Die Vercharterung der Schiffe ist übrigens nicht mehr so einfach. Es gibt ja mehrere.

J-Class segeln bleibt also ein exklusives Vergnügen für Eigner, deren Vermögen deutlich größer ist als das Ego. Man duelliert sich vor St. Barth, Porto Cervo, Palma oder St. Tropez.

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Autor

Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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