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Die unsichtbare Gefahr

Autor: Michael Kunst
  

Das Risiko für Segelyachten und Motoryachten, auf hoher See einen knapp unter der Wasseroberfläche treibenden Container zu rammen oder mit einem schlafenden Wal zu kollidieren, ist erheblich. Doch kann man dieser Gefahr für Crew und Schiff überhaupt etwas entgegen setzen?

Die unsichtbare Gefahr
Umgestürzte Container nach einem Transport in schwerer See. Wie viele gehen jährlich über Bord?

Stellen Sie sich vor, Sie segeln auf hoher See. Gerne bei allerbestem Cruisingwetter, auf einer durchaus seetüchtigen Yacht. Sie stehen am Ruder, machen erfreuliche 10 Knoten Fahrt unter Spinnaker, ein Teil der Crew ist auf dem Vorschiff mit dem Sichern der Fock beschäftigt, der „Smutje“ schmiert unten in der Kombüse ein paar Sandwiches. Plötzlich, aus buchstäblich heiterem Himmel, kracht es laut, ein Zittern geht durch die Yacht, sie kommt abrupt zum Stehen, dreht sich mit killenden Segeln in den Wind. Zwei Männer auf dem Vordeck sind durch den Aufprall in die Reling und in den Bugkorb geschleudert worden. Beide waren zwar mit Lifeline gesichert, wirken aber vom Sturz benommen. Aus der Kajüte ertönt Stöhnen und Fluchen – der Smutje hat sich mit dem Messer an der Hand verletzt. Als Rudergänger hatten Sie mehr Glück: lediglich die Rippen schmerzen etwas vom Sturz gegen das Rad. Sie wollen wieder die Kontrolle über die Yacht bekommen, das Rad dreht sich leicht, zu leicht… nichts passiert. Das Ruder reagiert nicht mehr, von unten ertönt der verzweifelte Schrei „Wir machen Wasser, viel Wasser, haben ein Leck…“

So oder ähnlich könnte es ablaufen, wenn man auf hoher See ein „UFO“, ein „Unidentified Floating Object“ rammt. Meist sind diese Objekte jedoch durchaus identifizierbar, leider erst nach dem fatalen Aufprall: Entweder knapp unter der Wasseroberfläche treibende Container, die nach der Kollision kurz aufschwimmen oder - makabererweiser an einer Blutspur im Wasser zu erkennen – ein Wal, der gerade schlief oder dessen Weg durch die Meere sich mit dem der Yacht kreuzte.
Beide „Begegnungen auf hoher See“ gelten in Seglerkreisen als GAU, können zu Totalverlust der Yacht führen und Menschenleben ernsthaft in Gefahr bringen.

Die See – ein gigantischer Teich voll dümpelnder Container?

Verlässliche Zahlen über die Anzahl über Bord gegangener Container gibt es nicht. Die Reedereien halten sich mit der Veröffentlichung ihrer Statistiken „diskret“ zurück, Versicherungen geben (wenn überhaupt) nur Zahlen bekannt, die ihren eigenen Kundenkreis betreffen. Experten schätzen jedoch, dass in Stürmen und wegen falschem Ladungstrimm jährlich 10.- bis 35.000 Container auf den Weltmeeren über Bord gehen. Wie lange diese Container im Wasser weiter treiben, wird eher kontrovers diskutiert. Tests der US-Küstenwache haben ergeben, dass die Container (je nach Ladung) durchaus tage- und wochenlang an der Wasseroberfläche bleiben, bevor sie endgültig untergehen. Rekord: ein Container wurde elf Monate nachdem er vor Frankreich in den Atlantik rutschte, an die englische Südküste gespült.

30 Millionen Container gibt es weltweit, mehr als ein Fünftel davon ist als Fracht auf den Weltmeeren unterwegs. Jeden Tag, jede Stunde… überall.
Da erstaunt es wenig, dass ausgerechnet auf den vielbefahrenen Wasserstraßen wie Nordsee, Ärmelkanal, Biskaya und Mittelmeer die Sichtungen von „verlorenen“ Containern adäquat zunehmen. Zuletzt wurde es in der Biskaya „eng“: Das Containerschiff „Svendborg Maersk“ verlor im Frühjahr 2014 bei 60 Knoten Wind in schwerer See über 500 Container!

Entsprechend häufiger werden Kollisionen gemeldet, Crews aufwändig von havarierten Yachten abgeborgen. Wenn diese überhaupt dazu kommen, einen Notruf abzusetzen: Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass in europäischen Gewässern jährlich drei bis fünf Yachten aufgrund von UFO-Kollisionen spurlos verschwinden.

Kollision mit Moby Dick

Wenn auch Wale als „Außenbordkameraden“ wohl die Sympathie aller Segler genießen, so können sie doch eine ähnliche Gefahr für Segelyachten darstellen. Viele Arten schlafen unmittelbar unter der Wasseroberfläche, oft in Schulen dicht nebeneinander. Oder sie holen Luft nach langen Tauchgängen – „blasen“ – genau dort, wo sie gerade auftauchen wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste oder „Atmungskollateralschäden“.
Die lange vorherrschende Meinung, dass Wale die Yachten akustisch wahrnehmen und ihnen ausweichen, wurde in aufwändigen Tests klar widerlegt: Zwar „hören“ alle Wale vergleichsweise hervorragend, sind aber durch die Berufsschifffahrt von einem Geräuschchaos umgeben, das ganz offensichtlich bis zur Orientierungslosigkeit führen kann. Die leise dahinrauschende Yacht ist dabei kaum von normalen Wellengeräuschen zu unterscheiden. Zudem orientieren sich Wale akustisch nach vorn – nach hinten sind sie eher „taub“.
Übrigens: Dass Wale im Stil eines „Moby Dick“ Schiffe versenken, kommt tatsächlich vor, wenn auch extrem selten. So gab es „Angriffe“ mit Totalverlust der Yacht vor Korsika und vor vier Jahren gingen die Bilder eines jungen, wohl pubertär übermütigen Walbullen um die Welt, der auf ein Segelboot sprang und es dabei zerstörte.
Bei Versicherungsgesellschaften werden Kollisionen zwischen Yachten und Walen jedoch nur selten aufgeführt.

Slalom um Wale und Container

Stellt sich die Frage, wie man die Kollision mit den zumeist unsichtbaren „UFO“ verhindern oder zumindest reduzieren kann? Sicherlich hilft, Gebiete in denen kürzlich Ladung verloren (und dies gemeldet) wurde, zu meiden oder großräumig zu umfahren. Was jedoch nur selten machbar ist, denn nur wenige Reeder melden den Verlust von Containern sofort, um Kollisionsgefahr zu reduzieren.
Technisch gibt es derzeit noch keine Möglichkeiten: Radar oder AIS erfassen lediglich Objekte, die über der Wasseroberfläche erscheinen. Und ein präventives Aussenden von Geräuschen, um zumindest die Wale zu verscheuchen bzw. zu warnen (wie etwa Echolot), trägt wiederum zur Schallbelastung der Tiere bei; ein Nutzen konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden.
Bleibt für beide Kollisions“gegner“ nur noch der gute alte Ausguck. Doch dem sind die Hände, pardon: die Augen gebunden. Denn schon bei leichtem Seegang kann man nicht mehr unterscheiden, ob sich die Welle da vorne an einem Container oder im Wind kräuselt.
Die Erfolgsquote dürfte also ähnlich hoch sein wie bei Gebeten: Wenn alles gut geht, hat’s genutzt. Wenn Murphy’s Law greift, war alles zu spät. Doch bis Yachten dank Frühwarnsystemen „Slalom“ um die unsichtbaren Hindernisse fahren werden, dürfte noch einige Zeit vergehen. Wenn auch eine baldige technische Lösung zur Entschärfung der Weltmeere wünschenswert wäre.

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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