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Liebe, Eiskrem und die Kaffeemühle

Autor: Michael Kunst
  

Sie hatte ein Händchen fürs Kaufmännische, er war ein genialer Tüftler. Gemeinsam läuteten Bess und Ole Evinrude vor mehr als 100 Jahren eine wahre Revolution im Wassersport ein. Denn dank ihres „Außenborders“ musste man nicht mehr stinkreich sein, um ohne Schwitzflecken unter den Armen über das Wasser zu gleiten.

Liebe, Eiskrem und die Kaffeemühle
©OMC/Evinrude

Angefangen hat alles mit einem für die Männerwelt so typischen, nahezu willenlos ausgeführten Akt der Anbetung weiblicher Grazie. Ole und Bess waren bis über beide Ohren ineinander verknallt und machten sich auf die im Jahre 1906 wohl obligatorische, romantische Rudertour entlang der Ufer des Lake Michigan, in der Nähe von Milwaukee.

Auf irgendeiner Insel wurde gepicknickt und am Ende des sicherlich frugalen Mahls gelüstete es Bess nach mehr – und zwar nach kühler Eiskrem. Was Grund genug für Ole war, sich unverzüglich für die Erfüllung auch dieses Wunsches seiner Angebeteten in Bewegung zu setzen. Obwohl der nächste Eismann mehr als zwei Meilen entfernt war, ruderte er alleine dorthin, während Bess bei einer kleinen Siesta auf ihn wartete.

Als er schließlich gegen den Wind, bei brütender Hitze wieder zurück zu Bess ruderte und sich dabei die eben erworbene Eiskrem langsam in ihren flüssigen Urzustand zurückverwandelte, wurde Ole klar, dass hier irgendwas gewaltig schief lief. Ein Antrieb über einen, damals gerade gesellschaftsfähig gewordenen Verbrennungsmotor – das wäre doch die Erlösung von der Pein unzähliger Ruder-Kavaliere!

Schmeißt die Ruder weg! Kauft einen Evinrude Außenborder  ©OMC/Evinrude Schmeißt die Ruder weg! Kauft einen Evinrude Außenborder ©OMC/Evinrude

Sieht aus wie eine Kaffeemühle!

Mit diesem buchstäblich zündenden Gedanken ging der Tüftler, der als Sohn eines Farmers längst zu einem technischen Genie gereift war und schon verschiedene Motoren gebaut hatte, einige Zeit schwanger. Dann legte er 1907 seiner Bess die erste Konstruktionszeichnung eines „außen anhängbaren Motors“ vor. Die Liebste hatte ihm mittlerweile das eheliche Ja-Wort gegeben und war bereits mit Sohn Ralph „guter Hoffnung“.

Hartnäckig hält sich die Legende, dass Bess beim Anblick der ersten Konstruktionszeichnung ausrief: Das Ding sieht ja aus wie eine Kaffeemühle!

Davon nur geknickt, aber nicht entmutigt, stellt ihr Ole Evinrude den Prototypen seines Außenborders ein weiteres Jahr später vor in Natura vor : 31 kg schwer, 1,5 PS stark. Und siehe da, nachdem Ole an den richtigen Stellen Farben angebracht und hier und da ein wenig an den Ecken und Kanten gerundet hatte, traf er den Geschmack seiner Angebeteten. Die lobte ihn mit den Worten: „Wenn das Ding wirklich hält, was Du versprichst, müssen die Leute das ja kaufen!“

Also steckt Tüftler Ole sein gesamtes Erspartes in den Kauf von Einzelteilen für 25 weitere Motoren. Und als er wenig später einem Kumpel aus dem Eisenwarenladen den Motor für eine Spritztour auslieh, kam der begeistert zurück, legte ihm gleich Bares für den Motor in die Hand und orderte zehn weitere.

1910 übernimmt Bess die kaufmännischen Geschicke der neu gegründeten Firma „Evinrude“ und entwirft eine mittlerweile legendäre Kleinanzeige mit dem Slogan: „Schmeißt die Ruder weg! Kauft einen Evinrude Außenborder“. Und die Kunden nahmen sie beim Wort…

Sie waren nicht die Ersten – aber die Besten!

Es muss an dieser Stelle unterstrichen werden, dass Evinrude zwar seinen ureigenen Außenborders erfunden hatte, also wirklich keinen blassen Schimmer vom Erfindungsgeist seiner Konkurrenten hatte, aber nicht der Erste war, der auf diese Idee gekommen war. Tatsächlich hatten schon drei weitere Ingenieure und Bastler, unabhängig voneinander, Außenbordmotoren entwickelt und sogar verkauft. Und keines dieser Modelle war schlechter als der Evinrude-Motor. Doch die anderen hatten eben keine Bess.

Wieder ein Jahr später wandte sich Bess erstmals an potentielle Käufer im Ausland und ergatterte gleich eine Order über 1.000 Motoren. Ole holte sich zur Finanzierung des Ganzen einen Partner “ins Boot“ und 1913 verkaufte die Firma bereits 9400 Motoren per anno – es ging also richtig voran.

Dafür kränkelte Bess. Ihre Gesundheit fuhr seit jeher Achterbahn, doch 1914 fühlte sie sich so schwach, dass Ole eine spontane Entscheidung traf und für seine geliebte Gattin alles Glück in einen Topf warf. Er verkaufte seinem Partner Chris Meyer für 137.000 Dollar seine Anteile an der Firma, baute ein gebrauchtes Packard-Automobil zu einer Art Wohnwagen um, packte Sohnemann Ralph und Bess in denselben und zu Dritt tingelten sie mehrere Jahre kreuz und quer durch die USA. Bess sollte später sagen, dass dies die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Kein Arbeitsstress, einfach nur „hang loose“.

Ganz konnte es Ole aber nicht lassen. Während seiner Auszeit baute er mal eben schnell ein 42-Fuß-Motorboot, das mit einem V8-Motor angetrieben wurde. Mit der „Bess Emily“ macht die Familie die Großen Seen unsicher, bis das Boot bei einer Ausfahrt im Winter offenbar nach Treibeis-Berührung Leck schlug und rasch sank. Die Evinrudes konnten sich im allerletzten Moment an Land retten.

Die Auszeit tat Bess physisch und mental sehr gut und 1920 kam das Paar mit 35.000 gesparten Dollar wieder ins Business zurück. Ihr ehemaliger Partner und Copyright-Besitzer des Firmenamens „Evinrude“ wollte allerdings weiter seine eigenen Brötchen backen, so dass Ole und Bess ein weiteres Außenborder-Unternehmen gründeten. „Elto“ (Evinrude Light Twin Outboard) verkaufte bereits zwei Jahre später über 3.500 Motoren.

Ole hatte seine Auszeit für weitere Tüfteleien am Evinrude Außenborder genutzt. Mittlerweile gab es reichlich Konkurrenz auf dem Markt. Deshalb setzte er 1921 als erster Außenborder-Konstrukteur Aluminium als Basismaterial ein und brachte einen hohlen Propeller zum Einsatz. Außerdem war das Unterwasserteil strömungsgünstig und die Auspuffgase wurden erstmals durch die Propellernabe geleitet.

Elto und OMC

Elto-Motoren galten schnell als technisch überlegen und verkauften sich hervorragend, nicht zuletzt dank Bess’ fortwährender Marketing-Aktivitäten.

Im Jahre 1928 überzeugt Sohn Ralph, mittlerweile im zweiten Collegejahr, seinen Vater, endlich mit den lahmen „Fischerbootsmotoren“ aufzuhören und „ordentlich Speed auf die Kiste“ zu bringen. Und so baute Ole den ersten 4-Zylinder-Außenborder, der mit 18 PS die damaligen Holzboote auf 65 km/h Geschwindigkeit puschte. Damit wurde der Rekordhalter Johnson-Motors klar geschlagen und Jahre später sogar übernommen.

Ein erfolgreiches Paar! Bess und Ole Evinrude ©OMC/Evinrude Ein erfolgreiches Paar! Bess und Ole Evinrude ©OMC/Evinrude

Dank mehrerer geschäftlicher Fusionen kam nun OMC (Outboard Motor Corporation, mit Ole Evinrude als Präsident) gut durch die globale Wirtschaftskrise. Auch weil Ole nicht aufhörte, an seinen Motoren zu feilen und zu basteln.

Er brachte den ersten Elektrostarter bei seinem Außenborder an, führte den ersten drehbaren Gashebel ein, schützte erstmals seine bis dato frei liegenden Motoren unter einem Gehäuse und präsentierte den ersten 40-PS-Außenborder. Verpackt in hervorragende Marketing-Aktivitäten mit Bess’ „Handschrift“, wurden die Motoren aus der Konstruktionsfeder des Ole Evinrude innerhalb kürzester Zeit zu den meistgekauften der Welt.

Doch Bess’ gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich erneut. Sie starb 1933 und hinterließ einen untröstlichen Ole. Der legte alles zur Seite, trauerte 14 Monate und folgte schließlich seiner Bess. Kein Selbstmord, keine Krankheit raffte ihn dahin, sondern schlicht und einfach ein gebrochenes Herz.

Family-Business

Ralph Evinrude übernahm den Posten des Vaters bei OMC und führte die Firma zu einem nie für möglich gehaltenen Erfolg. Die Zeit der genialen Tüftler war eindeutig vorbei. Ab sofort war knallhartes Business angesagt. Millionen Motoren mit dem Markennamen Evinrude wurden bis zur Jahrtausendwende verkauft. Nahezu alle bahnbrechenden Erfindungen und Entwicklungen bei Außenbordmotoren kamen aus dem Hause OMC.
Auch Ralph Evinrude entpuppte sich als begnadeter Techniker und brachte viel technischen Input in die Entwicklung der „Motoren seiner Eltern“. Zeit seines Lebens wurde er nie müde, immer wieder die Geschichte seiner Eltern zu erzählen. Die Story von Eiskrem, einer großen Liebe und dem Außenbordmotor.

Foto Ein erfolgreiches Paar! Bess und Ole Evinrude ©OMC/Evinrude

Ralph Evinrude starb 1986, nachdem er seinem Unternehmen mehr als 50 Jahre vorgestanden hatte. Im gleichen Jahr schaffte OMC einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Dollar.

Aber im ersten Jahr des neuen Jahrtausends meldete OMC Insolvenz an. Auch, weil das Unternehmen mehrere umweltspezifische Maßnahmen verschlafen hatte. Es wurde von dem kanadischen Multi „Bombardier“ geschluckt. Dort investierte man mit Erfolg in neue, ökologisch richtungweisende Techniken. Der Name „Evinrude“ ziert auch heute noch innovative, leistungsstarke und zuverlässige Außenbordmotoren. Die gelten weiterhin als State of the Art wie vor nunmehr 110 Jahren.

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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